Archive for the 'Online Dating' Category

Informationen für Journalistinnen und Journalisten (und andere Interessierte)

In der letzten Zeit erhalte ich sehr viele Anfragen von Journalistinnen und Journalisten – so viele, dass ich sie leider nicht mehr alle beantworten kann.

Ich habe mir deshalb überlegt, hier eine kleine Liste mit Blogposts und anderen Publikationen zusammenzustellen, die vielleicht für Medienberichte über das Thema Online Dating interessant sein könnten. Aus diesen Texten darf gerne zitiert werden, bitte mit Angabe der Autorenschaft.

Zu neuen Dating-Apps:

- Blogpost « Tinder »

Zu Beziehungsidealen und Beziehungsformen im Online Dating:

- Blogpost « Glückliche Internetehen? »

- Blogpost « Liebe ist, wenn’s passt? Online Dating und die Ideologie des perfect match »

- Working Paper zur « Entstehung von Intimität im Internet »

Zur Spannung zwischen einem ökonomisch strukturierten Partnerschaftsmarkt und dem romantischen Ideal der Liebe

- Blogpost « The Romantic Entrepreneur oder: Wie liebt das unternehmerische Selbst? »

Zu den Schwierigkeiten des Übergangs online-offline:

- Blogpost « Körperwissen »

Tinder

Lange hat sich auf diesem Blog nichts mehr getan, sorry. Die empirische Forschung ist abgeschlossen. Wir sind aber immer noch an dem Thema dran, machen Vorträge, Publikationen, etc. Ich poste in der nächsten Zeit mal ein Update. Heute ein kurzer Kommentar zu Tinder.

Neue Dating Apps

Im Moment tut sich einiges auf dem Online Dating-Markt. Neue Apps machen den klassischen Dating-Portalen Konkurrenz. Ein sehr erfolgreicher Newcomer der letzten Monate ist Tinder.

Die Besonderheit von Tinder liegt vor allem in der Art und Weise, wie hier Kontakte zustande kommen: Die App präsentiert Bilder und Kurzstatements von potentiellen Partnerinnen und Partnern. Mit einer schnellen Touchgeste auf dem Smartphone entscheidet man, ob man prinzipiell Interesse an einer Person hat oder nicht. Erst wenn beide Personen wechselseitig Interesse bekundet haben, kann man Nachrichten austauschen.

Es ist nun offenbar gerade das spielerische Blättern in der vielversprechenden Katalogwelt von Tinder, was für viele den Reiz dieser App ausmacht. Hier werden die Prinzipien des modernen Massenkonsums auf die Sphäre der Intimbeziehungen übertragen. Man hat einen Katalog mit schönen bunten Bildern und wählt daraus aus, was einem gefällt. Wenn das gewählte „Produkt“ die Erwartungen nicht erfüllt, dann gibt man es eben zurück und sucht sich das nächste aus.

Ein Problem dabei ist: Um Zugang zu dieser bunten Bilderwelt zu bekommen, muss man erst einmal selbst ein Teil davon werden. Tinder verlangt, dass man sich selbst ins Schaufenster stellt und von anderen Nutzerinnen und Nutzern in der gleichen Weise bewerten und konsumieren lässt. Das kann dann schon mal zu emotional schmerzhaften Erfahrungen führen.

Tinder als Bewertungsspiel

Generell habe ich allerdings den Eindruck, dass es vielen Nutzerinnen und Nutzern von Tinder gar nicht in erster Linie darum geht, tatsächlich Leute kennenzulernen. Sie nutzen die App eher wie ein Computerspiel und haben vor allem großen Spaß daran, andere Menschen aufgrund von sehr oberflächlichen Kriterien zu beurteilen.

Darin spiegelt sich der Zeitgeist einer allgegenwärtigen Bewertungskultur in unserer Gesellschaft. Wir kennen das aus der Arbeitswelt, wo wir in Beurteilungs-, Zielvereinbarungs- und Feedbackgesprächen permanenten evaluiert werden, oder auch aus dem Studium, wo sich alles um Bewertungen und ECTS-Punkte dreht. Auch in den Medien ist das „Voting“ allgegenwärtig – beispielsweise in Casting-Shows oder beim Dschungelcamp (vgl. die Forschungen von Olivier Voirol zu diesem Thema). Tinder fügt sich nahtlos in diese Reihe ein.

Gerade für jüngere Leute kann es ja durchaus interessant sein, die eigene Wirkung auf andere mal in einem solchen Singlemarkt zu testen. Man sollte nur die Reaktionen, die man dann bekommt, auf keinen Fall mit persönlicher Zuneigung verwechseln, das wäre fatal.

Tinder und die amerikanische Datingkultur

Was man nicht vergessen sollte: Tinder kommt direkt aus der Datingkultur der amerikanischen Hochschulen, wo die App erfunden wurde. In den dortigen Colleges gibt es eine lange Tradition des eher unverbindlichen, spielerischen Datings. Dabei geht es vor allem darum, sich nach einer oft behüteten Kindheit zum ersten Mal sexuell ausprobieren.

Allerdings gehört zu dieser Datingkultur auch, dass alle Beteiligten wissen, dass sich daraus selten langfristige und ernsthafte Liebesbeziehungen ergeben. Man muss also irgendwann den Ausstieg finden, wenn man eine solche langfristige Beziehung anstrebt. In Deutschland ist diese Dating-Kultur noch nicht so verbreitet und deshalb auch nicht das Wissen um die Grenzen und Tücken dieser Art der Beziehungsaufnahme.

Hier noch ein kurzer Bericht im ZDF-Morgenmagazin zu Tinder mit einem (noch kürzeren) Statement von mir.

Glückliche Internetehen?

Sommerzeit = Liebeszeit. Bei mir zumindest häufen sich in diesen Monaten die Anfragen von Journalistinnen und Journalisten zum Thema Online Dating. Vielleicht liegt es auch am Sommerloch in den Nachrichtenredaktionen? Wer weiß.

Diesmal war es eine aktuelle Studie aus den USA, die die Aufmerksamkeit erregte. Beziehungen, die im Internet begonnen haben, seien stabiler und glücklicher, wurde da behauptet. Das war vielen deutschen Medien eine Meldung wert. Mich hat u.a. die dpa angefragt, der Bericht wurde dann an verschiedenen Orten aufgegriffen (Die Welt, Berliner Morgenpost, Amica…).

> Hier ein Radiointerview aus der Sendung « Forschungsquartett » von detektor.fm zum Anhören.

Was die zentrale Aussage der Studie betrifft, bin ich etwas skeptisch. Die gemessenen Unterschiede in der Beziehungsdauer und im « Marital Satisfaction Index » (so die wissenschaftliche Definition von « Glück ») sind sehr gering. Daraus abzuleiten, online angebahnte Beziehungen seien glücklicher als andere, erscheint mir doch sehr gewagt. Aber natürlich passt eine solche Feststellung gut in das Marketingkonzept von EHarmony – jenem Online-Dating-Anbieter, der tatsächlich hinter der Studie steckt, der aber in der Presseerklärung pikanterweise nirgends erwähnt wird.

Dennoch erscheint mir die Studie interessant. Methodisch ist sie recht sauber gemacht und die Publikation erfolgte in einem anerkannten wissenschaftlichen Journal. Insgesamt wurden fast 20.000 Personen (online) befragt, die in den USA zwischen 2005 und 2012 geheiratet haben. Rund ein Drittel gab an, den jeweiligen Partner bzw. die Partnerin im Internet kennengelernt zu haben. Dies ist eine wirklich erstaunliche Zahl die zeigt, dass das Netz heute weit mehr ist als eine Spielwiese für kurzfristige Affären oder One-Night-Stands. Vielmehr hat es sich auch für langfristige Liebesbeziehungen einen festen Platz neben den klassischen Orten des Kennenlernens wie Schule, Beruf oder Freundeskreis erobert. Und die Chancen auf eine glückliche Beziehung sind im Netz offenbar nicht kleiner als andernorts – vielleicht sogar geringfügig besser.

Bei der Interpretation der Ergebnisse muss man allerdings bedenken, dass die Studie recht spät im Beziehungszyklus einsetzt, nämlich bei der Heirat. Unsere eigenen Erkenntnisse zeigen, dass die größten Hürden einer Onlinebeziehung viel früher liegen. Sind diese Anfangsschwierigkeiten allerdings erst einmal überwunden, dann sehe ich keinen triftigen Grund, weshalb eine im Internet begonnene Beziehung weniger stabil und glücklich sein sollte als eine, die an einem anderen Ort ihren Ausgang genommen hat.

Programme du colloque « La digitalisation du social et la socialisation du digital »

(click to download)

Romantisme numérique

Magazine de recherche Horizons mars 2012: « Romantisme numérique » E-Paper | PDF (avec un article sur notre recherche)

Autres rapports des médias (en allemand):

Liebe ist, wenn’s passt? Online Dating und die Ideologie des perfect match

„Liebe ist, wenn’s passt!“ – mit diesem Slogan wirbt die Online Partnervermittlungsagentur Parship schon seit längerem für Ihre Dienste. Aber auch andere Anbieter verkünden gerne und häufig, dass erst eine optimale Passung der Persönlichkeit der Partnerinnen und Partner eine langfristig glückliche und erfüllte Beziehung garantieren könne. Und das Internet soll genau diese Passung optimieren – durch die Kombination aus einer schier unerschöpflichen Auswahl mit einer höchst zielgenauen Suche.

In der Praxis erfüllt sich dieses Heilsversprechen des Online Dating allerdings oft nicht – wie mir in zahlreichen Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern immer wieder berichtet wird. Obwohl alle Daten passen, alle Persönlichkeitseigenschaften auf Kompatibilität geprüft und alle ‚no-goes‘ des Beziehungsalltags sorgfältig ausgeschlossen wurden, springt der Funke einfach nicht über. Man harmoniert zwar irgendwie und versteht sich gut, aber Liebe wird trotzdem nicht daraus.

Nun könnte es natürlich sein, dass die Matchingverfahren im Internet schlicht noch nicht ausgereift genug sind, dass man noch mehr Persönlichkeitseigenschaften vergleichen müsste, noch exaktere Daten erheben, noch feiner filtern… Aber vielleicht sollten diese Erfahrungen ja auch Anlass geben, die Ideologie der Passung einmal grundsätzlicher zu hinterfragen.

Gestatten: Mr./Mrs. Right

Tatsächlich ist diese Ideologie nicht ganz neu. Wir kennen den Topos des ‚einzig Richtigen‘ oder der ‚füreinander bestimmten Seelen‘ etwa aus der romantischen Literatur, aus unzähligen Filmen, Liebesliedern usw. Auch hier geht es um eine Art von Passung. Nur ist es in der klassischen Erzählung eben das Schicksal, das die Personen zusammenführt, und nicht ein Computeralgorithmus, der Daten aggregiert, vergleicht und daraus den perfekten Match berechnet. Nun wissen wir alle, dass das Schicksal höchst unzuverlässig sein kann. Warum also nicht mit modernen Technologien etwas nachhelfen?

Ich will hier den romantischen Glauben an die Schicksalshaftigkeit der Liebe nicht allzu sehr verteidigen. Aber an einem Punkt lässt sich daraus vielleicht doch etwas Wichtiges lernen: In der Idee der Schicksalshaftigkeit kommt u.a. auch die Erfahrung zum Ausdruck, dass die Liebe manchmal gerade dorthin fällt, wo man es am wenigsten erwartet. Eine neue Liebe ist oft überraschend, unerwartet und kann das eigene Weltbild sehr grundlegend verändern. Dagegen wird eine Person, die ich durch rationale Suchstrategien und Matchingverfahren finde, bestenfalls genau meinen vorab definierten Erwartungen entsprechen – mehr aber eben auch nicht.

Nun gibt es jedoch gute Gründe anzunehmen, dass gerade das Unerwartete und Überraschende konstitutiv zur Liebe dazugehört. Genau deshalb, so würde ich behaupten, müssen Strategien der Passung, die dieses Unerwartete zu vermeiden suchen, systematisch scheitern.

Das ist eine starke Behauptung, die sich nicht nur gegen aktuelle Matchingstrategien im Netz, sondern auch gegen viele Selbstverständlichkeiten richtet, die heute etwa in Beziehungsratgebern oder Partnerschaftskolumnen verkündet werden. Woher aber kommt diese breite Zustimmung für die Ideologie der Passung?

Meines Erachtens hat sie eng mit dem Bedeutungszuwachs des Wunsches nach Selbstverwirklichung zu tun. Liebe und Partnerschaft gelten seit Anbeginn der modernen Gesellschaft – und ganz besonders nochmals seit den kulturellen Umbrüchen im Gefolge der sogenannten „68er“ – als zentrale Orte der individuellen Selbstverwirklichung. Und genau deshalb wünschen sich so viele eine ‚passende‘ Beziehung, in der die Partnerin möglichst in allen Dimensionen ihrer Persönlichkeit mit der eigenen kompatibel sein soll.

„Man selbst sein im Anderen“

Allerdings basiert diese Vorstellung auf einem sehr spezifischen Verständnis von Selbstverwirklichung, das man nicht teilen muss. Dieses Verständnis begreift Selbstverwirklichung im Kern als ein rein individuelles Projekt. Der oder die Andere spielt dabei nur insofern eine Rolle, als dass sie möglichst gut zu diesem individuellen Projekt passen muss, damit sie mich in meiner eigenen Selbstverwirklichung nicht stört sondern bestenfalls unterstützt.

Dem lässt sich ein Verständnis gegenüberstellen, dass in dem und der Anderen nicht nur eine mögliche Unterstützung, sondern viel tiefgreifender eine unhintergehbare Bedingung der eigenen Selbstverwirklichung sieht. Die Hegelsche Bestimmung der Liebe als ein „man selbst sein im Anderen“ charakterisiert dieses Verständnis sehr treffend. Aber man könnte hier auch mit George Herbert Mead oder anderen Vertreterinnen und Vertretern einer intersubjektiven Theorie des Selbst argumentieren.

Grundlegend für ein solches Verständnis ist – einfach gesagt – die Einsicht, dass ein Subjekt erst durch die Konfrontation mit einem Gegenüber zu dem wird, was es selbst ist. Gerade die intime Begegnung mit einem anderen Menschen in einer Liebesbeziehung bildet für diesen Prozess der Herausbildung und stetigen Umgestaltung des Selbst einen wichtigen Katalysator. Jede dieser intimen Begegnungen verändert unser Selbst, lässt uns neue Seiten an uns entdecken, ermöglicht uns eine andere Sicht auf das, was wir sind.

In der Konsequenz ist die Vorstellung vollkommen absurd, wir hätten so etwas wie ein ‚fertiges‘ Selbst, dass sich dann die ‚passende‘ Beziehung suchen könne, um sich darin zu verwirklichen. Dieses Selbst gibt es nicht, oder zumindest nicht als eine statische Größe. Es bildet und wandelt sich fortlaufendend in den sozialen Beziehungen, in die es eingebunden ist – auch und gerade in Liebesbeziehungen. Wenn es aber dieses Selbst nicht gibt, dann kann es auch kein Suchformular oder keinen Persönlichkeitstest auf einer Online Dating Seite ausfüllen, der dann einen idealen Partner oder eine ideale Partnerin auswerfen würde.

Wo alles zu gut passt, da wird es langweilig. Es fehlt genau das, was unserem modernen Verständnis nach die Liebe so aufregend macht: Die Möglichkeit nämlich, sich in der intensiven Auseinandersetzung mit einem Gegenüber immer auch selbst ein Stück weit neu zu entwerfen. Nicht, dass das Internet dafür keinen Raum bieten würde, im Gegenteil. Aber dieser Raum entsteht eben eher dort, wo nicht durch die Suche nach optimierter Passung bereits im Vorfeld alles Unerwartbare ausgeschlossen wurde.

(Dieser Überlegungen basieren auf einen Vortrag, den ich jüngst auf der Tagung „Paare und Ungleichheit(en) – Eine Verhältnisbestimmung“ am WZB in Berlin gehalten habe.)

Digitales Selbst – Personale Identität im Zeitalter des Internet

WestEnd
Neue Zeitschrift für Sozialforschung

Jg. 7, Heft 2/2010
ISSN 1860-2177
für 10,- Euro
im Buchhandel erhältlich

Die Frage nach dem digitalen Selbst und der Bedeutung des Internets für unsere personale Identität beschäftigt uns schon länger. Vor gut eineinhalb Jahren haben wir dazu einen Workshop auf dem Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Genf veranstaltet, jetzt ist ein Schwerpunkt in der Zeitschrift WestEnd zu diesem Thema erschienen, den Olivier Voirol und ich herausgegeben haben.

Sherry Turkle – Computerspiele als evokative Objekte

Das Thema der Identität hat die intellektuelle Debatte um das neue Medium Internet schon fast seit ihren Anfängen begleitet. Zwei klassische Studien dazu hat Sherry Turkle (MIT, Cambridge) veröffentlicht: „The Second Self: Computers and the Human Spirit“ von 1984 und „Life on the Screen: Identity in the Age of the Internet“ gut zehn Jahre später (beide bei Simon and Schuster erschienen). Wir freuen uns sehr, dass wir Sherry Turkle auch für einen Beitrag in diesem Schwerpunktheft gewinnen konnten. Hier setzt sie sich mit den simulierten Welten der Computerspiele im Netz auseinander. Sie beobachtet, wie wir hier auf Wesen treffen, die neue Fragen über uns selbst, unser Verhältnis zu technischen Objekten sowie die Grenzen und Übergänge zwischen der belebten und der unbelebten Welt aufwerfen.

Vaios Karavas – Ein neues Computer-Grundrecht?

Ganz ähnlich wie Sherry Turkle geht auch Vaios Karavas (Uni Luzern) in seinem Beitrag davon aus, dass die Grenzen zwischen dem Subjekt und den technischen Objekten zunehmend durchlässiger werden und sich sogar tendenziell verwischen. Daraus ergibt sich die Frage, was dies für das verfassungsmäßige Grundrecht auf Persönlichkeitsschutz bedeutet. Karavas sieht hier ein neues Grundrecht im Entstehen, das nicht mehr die Person allein, sondern die »hybriden Assoziationen« (Bruno Latour) zwischen Mensch und Computer unter den Schutz der Verfassung stellt.

Olivier Voirol – Digitales Selbst: Anerkennung und Entfremdung

Olivier Voirol (Uni Lausanne/IfS Frankfurt) plädiert dafür, die digitale Erweiterung unseres Selbst nicht in bloß technischen Begriffen, sondern auch aus der Perspektive einer intersubjektiven Theorie der Identitätsbildung heraus zu analysieren. Im Anschluss an Georg Herbert Mead entwickelt ein solches Konzept des »digitalen Selbst«. Damit lässt sich auch zeigen, unter welchen Bedingungen sich im Netz gelingende Anerkennungsbeziehungen herausbilden, und wo uns unser digitales Selbst eher als etwas Fremdes und potentiell Feindliches gegenübertritt.

Kai Dröge – Romantische Unternehmer im Netz

Schließlich gibt es auch noch einen Beitrag von mir, der sich mit Online Dating befasst und fragt, welche Identitätsangebote uns das Internet im Bereich von Liebe und Partnerschaft macht. Ich zeige an Ausschnitten aus unseren Interviews, wie sich Akteure trotz des Fehlens der leiblich-sinnlichen Kopräsenz durchaus als »romantische« Subjekte begreifen, die erstaunliche Erfahrungen von Intimität und Nähe im Netz machen. Gleichzeitig werden sie aber auch als »unternehmerische« Akteure angesprochen, die sich rational im Hinblick auf die Optimierung ihres Beziehungslebens verhalten sollen. Aus dem Aufeinandertreffen dieser beiden Identitätsangebote resultieren Spannungen im eigenen Selbstentwurf, die sich praktisch schwer auflösen lassen.

Differenzierte Kritik

Allen Beiträgen gemeinsam ist, dass sie weder einer rein kulturpessimistischen Sichtweise folgen, die eine Auflösung des Selbst in den virtuellen Welten des Internets diagnostiziert, noch einer durchgängig optimistischen Perspektive, die allein die neuen Selbstentfaltungspotentiale in diesem Medium feiert.
Wann erlauben uns die digitalen Interaktionen erweiterte Anerkennungsbeziehungen und wann entfremden sie uns von uns selbst (Voirol)? Wo ermöglichen uns die Erfahrungen von Intimität und Nähe im Netz einen positiven Selbstbezug und wo werden sie trügerisch und potentiell gefährlich (Dröge)? Unter welchen Bedingungen können die virtuellen Spielewelten zu einem Raum werden, in dem wir neue Facetten unserer Identität entdecken und ausprobieren, und wann drohen wir uns in diesen Welten zu verlieren (Turkle)? Welche neuen Risiken gehen mit der digitalen Erweiterung unserer Identität einher und wie lässt sich der grundrechtliche Schutz der Persönlichkeit diesen gewandelten Bedingungen anpassen (Karavas)?
Nur mit einer solch differenzierten Analyse lassen sich auch die problematischen Tendenzen der sozialen, politischen und ökonomischen Nutzung des Internets fundiert kritisieren, die zu Formen der Entfremdung, Instrumentalisierung und Vermarktlichung des Selbst führen können.

Weitere Beiträge:
Neben dem Schwerpunkt enthält diese Ausgabe von WestEnd noch Beiträge von Claus Offe, Juliane Rebentisch, Helmut Thome, Gertrud Hardtmann, Robert E. Norton und Sidonia Blättler

mehr Info zum gesamten Heft

Zwischen den Welten – soziale Ungleichheit in und aus dem Netz

Mitte März hat in Frankfurt eine Tagung zum Thema „Ungleichheit aus kommunikations- und mediensoziologischer Perspektive“ stattgefunden. Auch ich war hier mit einem Vortrag vertreten. Dem Organisator Christian Stegbauer sei Dank, dass er dieses wichtige Thema aufgegriffen hat. Gerade was das Internet betrifft, so hoffen immer noch viele auf die Entstehung eines demokratischen, ja egalitären Kommunikationsraumes, in dem klassische Formen von sozialer Ungleichheit und Benachteiligung eine geringere Rolle spielen würden als außerhalb des Netzes.
Zumindest im Hinblick auf Online Dating vertrete ich hier eine dezidierte Gegenthese. Die Sites betreiben einen hohen Aufwand, um in ihren Suchoptionen, Profilvorgaben etc. die sozialen Ungleichheitsrelationen aus der Offline-Welt in das Medium Internet zu übersetzen und hier zur Geltung zu bringen. Das betrifft klassische sozioökonomische Unterscheidungsmerkmale wie Einkommen und Bildung ebenso wie die „feinen Unterschiede“ in den subkulturellen Differenzierungen des Lebensstils; es betrifft Fragen der tugendhaften Lebensführung ebenso wie die Selbstklassifizierung nach stereotypisierten Körperbildern.
Im Ergebnis entsteht ein soziales Setting der Beziehungsanbahnung, in dem man sich wie in kaum einem anderen Zusammenhang vorab über die ungleichheitsrelevanten Merkmale einer Person informieren kann – und dies lange bevor man eine einzige Zeile im Chat oder per Email ausgetauscht hat.

Mehr dazu im Volltext des Vortrages (PDF)

weitere Info: Tagungsprogramm

Körperwissen

body: von Sam UL auf flickrAm 5./6. März war ich in Landau (Pfalz) auf einer Tagung zum Thema „Körperwissen“, veranstaltet von den Sektionen Wissenssoziologie und Soziologie des Körpers und des Sports der DGS. Sehr inspirierend für das Thema unseres Projektes. Denn am Beispiel Online Dating lässt sich gut beobachten, wie wichtig der Körper für soziale Interaktionen ist – gerade weil er (zunächst) abwesend ist. Continue reading ‘Körperwissen’

The Romantic Entrepreneur oder: Wie liebt das unternehmerische Selbst?

Wer ist das, der « romantische Unternehmer », diese seltsame Figur, die diesem Blog seinen Namen gegeben hat? Seit wann sind denn Unternehmerinnen Romantikerinnen oder Romantiker Unternehmer?
Nun – natürlich ist das ein eher metaphorisches Bild. Diese Figur verkörpert eine Spannung zwischen zwei antagonistischen Logiken, die für das Feld des Online Dating charakteristisch ist: die Spannung zwischen ökonomischer Rationalität, Selbstvermarktung und Konsumismus auf der einen Seite und Intimität, Emotionalität und romantischer Liebe auf der anderen Seite.

Continue reading ‘The Romantic Entrepreneur oder: Wie liebt das unternehmerische Selbst?’