The Romantic Entrepreneur oder: Wie liebt das unternehmerische Selbst?

Wer ist das, der « romantische Unternehmer », diese seltsame Figur, die diesem Blog seinen Namen gegeben hat? Seit wann sind denn Unternehmerinnen Romantikerinnen oder Romantiker Unternehmer?
Nun – natürlich ist das ein eher metaphorisches Bild. Diese Figur verkörpert eine Spannung zwischen zwei antagonistischen Logiken, die für das Feld des Online Dating charakteristisch ist: die Spannung zwischen ökonomischer Rationalität, Selbstvermarktung und Konsumismus auf der einen Seite und Intimität, Emotionalität und romantischer Liebe auf der anderen Seite.

Das Ebay der Liebe

Online Dating verspricht eine bisher ungekannte Effektivierung der Partnersuche ebenso wie eine Optimierung der daraus (möglicherweise) folgenden Beziehung.
Nie war es so leicht, an detaillierte Informationen über Hunderttausende oder gar Millionen von beziehungswilligen Singles zu gelangen, die nur wenige Mausklicks entfernt auf eine Kontaktaufnahme warten. Bei der Selektion helfen elaborierte Suchmechanismen und computergestützte Matchingverfahren. Einer bis ins Detail passgenauen Partnerschaft scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

Über 28 Mio Singles aus ganz Europa warten auf Sie!
(meetic.ch)

Sie lieben chinesische Kalligraphie, hassen Hunde und sind im Bett eher dominant? Kein Problem – man wird ihnen dennoch ausreichend Partner(innen)vorschläge unterbreiten, um damit mehr als ein Menschenleben in serieller Monogamie ausfüllen zu können.
Online Dating adaptiert die Prinzipien des modernen Massenkonsums für die Sphäre von Liebe und Partnerschaft (Illouz 2006: 129f.; Arvidsson 2005). Das Internet präsentiert sich als ein wahres Shoppingparadies der Partnersuche, man könnte fast sagen: als Ebay der Liebe.

Scout24 schafft Transparenz in intransparenten Märkten – Jobsuche, der Kauf einer Wohnung, eines Autos oder eines Notebooks, Altersvorsorge oder die Partnersuche.
(Scout24, Betreiber von Friendscout24 und diversen E-Commerce-Portalen)

Das unternehmerische Selbst

Es liegt nahe, hier an die Figur des unternehmerischen Selbst zu denken, wie sie Michel Foucault (2004) und im Anschluss daran die Gouvernementality Studies (Rose 1992; Bröckling 2007) beschrieben haben.
Das unternehmerische Selbst zeichnet sich durch eine spezifische Ethik der Selbstverantwortung aus, die sich in dem permanenten Streben nach einer Optimierung des eigenen Humankapitals niederschlägt: Durch eine Rationalisierung des Lebens, durch die stete Arbeit an der individuellen Employability, durch eine Perfektionierung von Körper und Persönlichkeit.
Das Modell des unternehmerischen Selbst liegt den neoliberalen Reformen des Sozialstaats zugrunde, die die Eigenverantwortlichkeit des Individuums in den Mittelpunkt stellen. Es findet sich aber auch in vielen aktuellen Managementlehren („Intrapreneurship“), in dem populären Genre der Lebens- und Erfolgsratgeberliteratur, usw.

Liebe ist kein Zufall. Partnersuche mit Erfolg: Finden Sie mit ElitePartner.ch gezielt Singles, die zu Ihrem Anspruch passen.
(elitepartner.ch)

Online Dating reiht sich nahtlos in diese Kette ein. Es verspricht eine unternehmerische Rationalisierung im Feld der Partnerschaft, Liebe und Emotionalität. Ein gigantisches Angebot, eine effektivierte Suche und schließlich: Eine optimierte Beziehung, die bei der Maximierung des eigenen Humankapitals nicht mehr im Wege steht, sondern im Gegenteil dazu beitragen kann.

Die Macht des Schicksals

Die Sprache der Effizienz, Rationalität und des Massenkonsums ist jedoch keinesfalls die einzige, die wir im Feld des Online Dating finden. Gleichzeitig sind die Referenzen zum kulturellen Ideal der romantischen Liebe unverkennbar. Herzen, Rosen, die Farbe Rot, aneinandergeschmiegte Paare, der Kuss – schon die visuelle Gestaltung der Dating Sites bemüht das ganze symbolische Repertoire des modernen Liebesideals in gedrängter Form.

Wenn ich daran denke, wie unsere Geschichte ihren Lauf genommen hat, dann kann das nur ein Wunder sein.
(Angie auf iLove)

Erzählungen über Online-Liebesgeschichten unterscheiden sich oft wenig von jenen der Welt außerhalb des Netzes.
Das romantische Ideal enthält ein spezifisches narratives Muster, in das auch die Internet-Liebe eingepasst wird: Der schicksalhafte Anfang, die plötzliche, intuitive Anziehung, die Hindernisse, die es bis zum glücklichen Ende zu überwinden gilt – solche klassischen Motive, die wir schon in der Romanwelt des 19. Jahrhunderts finden (Lenz 2006: 259ff.), prägen auch die Schilderungen heutiger Online-Beziehungen.

Nie habe ich gedacht das man die Liebe seines Lebens im Internet finden kann aber ich erlebe es gerade selbst und das ist wundervoll.
(Petra auf iLove)

Ganz im Gegensatz zu dem strategischen Kalkül des unternehmerischen Selbst wird hier die Unplanbarkeit und Schicksalhaftigkeit der Liebe beschworen, ihre außeralltägliche Macht, die sich der bewussten Kontrolle entzieht.

Romantische Unternehmer?

Online Dating verweist auf beide Logiken zugleich und konstruiert damit die eigentümliche Zwittergestalt des romantischen Unternehmers – eine Figur, die die eigene Partnersuche strategisch rationalisiert und nach dem Vorbild des Massenkonsums optimiert, aber gleichzeitig nach Intimität, Emotionalität und Verzauberung durch das Schicksal sucht.
Die interne Widersprüchlichkeit dieser Figur ist unübersehbar. Es wäre erstaunlich, wenn diese Widersprüchlichkeit nicht auch zu Friktionen und Ambivalenzen im alltäglichen Handeln führen würde.
Daraus ergeben sich eine Reihe von Fragen:

  • Wie gehen die Nutzerinnen und Nutzer von Online-Dating-Sites mit der unklaren „Rahmung“ der Situation (Goffman 1977) zwischen Markt und Liebe um?
  • Wie verständigen sie sich darüber, ob sie gerade als strategische, unternehmerische Akteure oder als romantisch Liebende handeln?
  • Wie verhalten sie sich zu der Adressierung als romantische Unternehmer – übernehmen sie diese Adressierung, oder deuten sie sie um und unterlaufen sie in der Praxis?

Das sind zentrale Fragen unserer weiteren Forschung. Wir werden sehen, was uns die Nutzerinnen und Nutzer von Online Dating über ihre Erfahrungen als romantische Unternehmer des Internets berichten können.

Literatur


Arvidsson, Adam 2005: Quality Singles: Internet Dating as Immaterial Labour (Cultures of Consumption, Working Paper Series). [online: http://www.consume.bbk.ac.uk/working_papers/ArvidssonReality.final.doc, 12.02.2007].

Bröckling, Ulrich 2007: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Foucault, Michel 2004: Geschichte der Gouvernementalität I: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Vorlesung am Collège de France, 1977 – 1978. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Goffman, Erving 1977: Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Illouz, Eva 2006: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Adorno-Vorlesungen 2004. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Lenz, Karl 2006: Soziologie der Zweierbeziehung. Eine Einführung (3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag.

Rose, Nikolas 1992: Governing the enterprising self. In: Heelas, Paul & Morris, Paul (Hrsg.): The Values of the enterprise culture. The moral debate. London/New York: Routledge.

10 Responses to “The Romantic Entrepreneur oder: Wie liebt das unternehmerische Selbst?”


  • Anmerkungen zum Blog-Logo!

    Mir ist aufgefallen, dass auf dem Fliessband (heute sagt mensch ja eher Fertigungsstrasse) der/des romanischen UnternehmerIn, die/der ja dann eher doch noch als fordistische/-r gedacht werden muss, überwiegend heterosexuelle Pärchen produziert werden. Es findet sich immerhin noch ein schwules Paar, aber bereits lesbische Beziehungen scheint der Produktionsplan nicht mehr vorzusehen.
    Wenn die ökonömische Rationalität des romantischen Liebeskonzepts (hegemonial) auf die Produktion von (zwangs-)heterosexueller Normativität hinausliefe, wäre dieses Bild nachvollziehbar; dann bliebe das schwule Paar allerdings noch erklärungbedürftig.
    Ansonsten reproduzierte das Logo die gesellschaftliche Unsichtbarmachung von lesbischen Beziehungen.
    Interessant fände ich vor diesem Hintergrund deshalb auch die Einbeziehung von (Trans-)Gender-Konzepten und homosexuellen (Selbst-)Produktionen in die Untersuchung der Praxis des Online-Dating.
    Wie liesse sich also das Verhälnis von queeren
    Körper-Produktionen und Beziehungs-Unternehmungen im Verhälnis zur Matrix der gesellschaftlich hegemonialen binären Geschlechterkonstruktion und Beziehungspraxis im digitalen Medium denken?

    • Ich könnte jetzt sagen: Die lesbischen Paare waren unter den Pionierinnen und sind deshalb schon rechts aus dem Bild verschwunden…
      Aber im Ernst: Natürlich ist die Welt im Internet mindestens ebenso bunt wie außerhalb des Netzes, und dies gilt gerade auch im Feld der Beziehungen.
      Gleichzeitig scheint mir Online Dating aber von der Hoffnung auf den Computer als großer Klassifikationsmaschine geprägt, die anstelle des bzw. im Verbund mit dem Schicksal dafür sorgt, dass am Ende jeder Topf seinen passenden Deckel findet.
      Dieses Vertrauen in die ordnende Macht des Computers, der aus dem Chaos der Realität fein säuberlich geordnete Paare produziert, sollte die Grafik in provokativer Absicht aufs Korn nehmen. Eigentlich müssten dazu aber auf der rechten Seite ganz viele verschiedene Reihen herauskommen: schwule Paare, lesbische Paare, Dicke, alleinerziehende Väter und Mütter, Katholik(inn)en – um nur ein paar Beispiele mir bekannter spezialisierter Datingsites zu nennen. Eine bunte, aber sehr geordnete Welt! Eine der großen Kontaktanzeigenseiten für etwas ungewöhnlichere sexuelle Vorlieben (alt.com) listet auf ihrem Suchformular allein 70 verschiedene « Interessen » auf, nach denen man gezielt recherchieren kann (ich zitiere hier lieber nicht, sonst kündigt mir mein Provider). Um im Bild zu bleiben: Hier finden wir eher « flexible Spezialisierung » (Piore/Sabel) als fordistische Massenproduktion…
      Du siehst also: Einfach ein lesbisches Paar zu ergänzen, hätte das Problem nicht wirklich gelöst.
      Allerdings rührt dein Kommentar an einer sehr viel grundlegenderen Frage, die mir zur Zeit im Magen liegt (seit u.a. K. sie mir gestellt hat). Bisher war aus teils pragmatischen, teils inhaltlichen Gründen geplant, den Fokus auf die großen Dating Sites zu legen und die kleineren, spezielleren Communities auszulassen. Das würde allerdings zur Folge haben, dass das heterosexuelle « Normalmodell » von Partnerschaft die Untersuchung stark dominieren würde. Vielleicht keine sinnvolle Entscheidung; muss ich nochmals überdenken…

  • Von Märkten und Permutationen

    Das unternehmerische Selbst braucht eine Markt. Und Märkte gibt es, seit es Menschen gibt. Auch auf dem Gebiet der Liebe und Parnterschaft seit langer Zeit. Sie waren wohl eingeschränkter, nicht so uferlos wie im Internet. Ich weiß nicht ob diese neue Quantität durch den Einsatz modernen Technologien eine wirkliche neue Qualität mit sich bringt, die es vor der Zeit des Internets nicht gab, ob dieser Aspekt das Spannendste am Online-Dating ist.

    Aber es gibt einen anderen Aspekt am Online-Dating der mir bemerkenswert und neben dem Markt-Gedanken erforschenswert erscheint. Den gab es zwar auch schon früher, aber in viel geringerer Zahl als Dank des Internets. Es gibt unter den Online-Dating Internetportalen welche, die eine Permutation in der Sequenz einer Beziehungsanbahnung gegenüber dem üblichen Verlauf darstellen.

    Der erste Blick fällt nicht auf das Äußere eines Menschen, gefolgt von einer möglichen Herstellung eines Blickkontaktes, gefolgt von einem möglichen ersten Wortwechsel. Der erste « Blick » im Internet-Portal fällt auf die Selbstdarstellungen anderer Menschen (wenn auch durch Profileintragsvorgaben limitiert) mittels der Zeichen der Schrift. Wenn der « Blickkontakt » hergestellt wird, ist es der Autausch erster E-Mails. Wieder werden die Menschen dabei mit der Fähigkeit zur Symboloperation anderer Menschen konfrontiert und machen sich darüber ein erstes « Bild » vom gegenüber. Erst in späterer Folge werden erste Fotos ausgetauscht, erstmals die Stimme des anderen gehört, wenn es zu einem ersten Telefonat kommt. Und erst dann kommt es zu einer ersten realen Begegnung. Der « visual-scan », der im Café-Haus völlig automatisch und weitgehend unbewusst erfolgt (und damit schon eine Reihe von Menschen aussortiert, die wir bewusst gar nicht mehr wahrzunehmen werden), kommt beim Online-Dating erst später. Das ist die Permutation in der Sequenz der Beziehungsanbahnung. Damit ist unser Bewusstsein mit dem Ergebnis des « visual-scan » konfrontiert, wie immer er ausfallen mag. Und es ist von Beginn der Beziehungsanbahnung an involviert, weil es gerade am Anfang allein um die Interpretation abstrakter Zeichen geht.

    Diese « Geschichte » ist freilich auch nicht neu, sie wurde möglich sobald die Menschen die Schrift erfunden hatten und Wege ihrer Vermittlung. Interessant ist, dass mit den Erfindungen der Menschen von der Schrift bis zum Internet eine Permutation in der Sequenz von Beziehungsanbahnungen möglich wurde. Wir haben auch auf diesem Feld längst schon begonnen der biologischen Evolution ein Schnippchen zu schlagen.

    Die Verschriftlichung und die damit mögliche Permutation sehe ich als einen gesellschaftlichen Gewinn an. Ob vom Menschentyp her eher visuell oder auditiv oder kinästhetisch geprägt, es kann sich heute Mensch den ihm passendsten Rahmen aussuchen in dem er sich bewegen will im Markt der Liebe und Partnerschaftsanbahnungen.

    Wie gigantisch oder klein das Angebot im Internet ist, kann ich als Teilnehmer für mich weitgehend selbst bestimmen. Was fixiert ist, ist eine bestimmte Permutation in der Sequenz. Wem die nicht behagt, mag im Café-Haus sitzen bleiben und dort glücklich werden.

    Das hier u.a. zitierte Buch von Eva Illouz ist sehr lesenswert. Einzig tut mir leid mich nun unter die hyperrationalen Idioten eingereiht zu wissen, wobei ich meiner vermeintlichen hyperationalen Idiotie verdanke mit einer Soziologin, was der Zufall und nicht der Markt so wollte, glücklich liiert zu sein (nicht der Illouz :-) . Im Ansatz ihrer Erforschungen ist Illouz sehr breit gefächert und bringt vieles zusammen. Leider ist sie im Ergebniss ihrer Erforschung schrecklich eindimensional. Das muss nicht sein. Ich wünsche mir von der Soziologie auch in ihren Forschungsergebnissen breit gefächert zu bleiben. In diesem Sinne wünsche ich den Betreibern dieses Blogs alles Gute und dass der Blog einen Beitrag dazu leisten kann, zu differenzierten Ergebnissen zu kommen.

    Viele Grüße
    Bob Hope

    • Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, Bob!
      Die Beobachtung, dass sich die übliche Reihenfolge der ‚Beziehungsanbahnung‘ im Internet tendenziell umgekehrt, ist wirklich interessant: Außerhalb des Netzes ist körperliche Anziehung und intuitive Sympathie meist das primäre, verbale Kommunikation und das bewusste Wissen über eine Person folgen erst später. Im Netz dagegen kommt Information und textuelle Kommunikation zuerst, die erste körperliche Begegnung folgt oft erst mit einigem Abstand. Eva Illouz hat das ja schön beschrieben. Ich glaube übrigens, dass Fotos daran grundsätzlich nichts ändern, auch wenn damit natürlich ein visuelles Moment ins Spiel kommt.
      Bisher gab es eine solche Umkehrung eher in Ausnahmefällen – etwa bei einer Brieffreundschaft, die sich zu einer Liebesbeziehung entwickelte.
      Ist das nun eine Rationalisierung der Partnerwahl – der Geist siegt über den Körper, die bewusste Wahl über den Trieb? Oder kommen hier – ganz im Sinne des romantischen Ideals – endlich die „inneren Werte“ einer Person wirklich zur Geltung, wenn die Oberflächlichkeit des „visual scans“ wegfällt? Oder funktioniert das alles noch ganz anders?
      Ich hoffe, wir werden dazu in unseren Interviews einiges hören. Wie sind denn deine Erfahrungen?

  • Der virtuelle „Aufriss“

    Das World Wide Web verbindet nicht nur Kontinente, sondern auch einsame Herzen.
    Nie zuvor war es so einfach, sich aus einem scheinbar unerschöpflichen Personenreservoir seinen ganz persönlichen Traumpartner herauszupicken.

    Allerdings vermute ich, wird auch die Promiskuität steigen, es wird in Zukunft vermutlich normal sein, mehr als nur einen Partner zu haben, wenn die Anbahnung einer Beziehung so einfach ist und die Auswahl so groß.

    Nur der schon oft als zukunftsweisend apostrophierte Cybersex bleibt wohl eine Totgeburt.
    Der Austausch von Zärtlichkeiten zwischen zwei Menschen wird auch künftig nicht über Datenleitungen, sondern nur über Hautkontakt wirklich stimulieren …

  • Vom Kollaps des Wellenpakets und der Zeitdilatation

    Hi Kai,

    meine Erfahrungen
    – « elaborierte Suchmechanismen & computergestützte Matchingverfahren » –
    1.1) zur Auswahl des Portals – Warum ich Parship gegenüber « love.at » den Vorzug gab.
    1.1) zum eigenen Profil – Warum ich statt einem Berufstitel einen Werbespruch der Firma für die ich arbeite im Profil eintrug u.a.m.
    1.2) zu den « Such »-Filter-Kritierien – Warum ich die Filter-Ranges weit öffnete (keine geographische Einschränkung u.a.m.), was wiederum zu folgendem führte

    - ein gigantisches Angebot
    2) zu dem hohem Ausmaß an Parallellität – Warum sie mich von Anbeginn an « nervös » machte.

    3) zur Mailschreib-Etappe – Warum mir Frauen schrieben, sie hätten gar nicht gewusst wie gerne sie Mails lesen und selbst schreiben, ehe sie meine Mails zu lesen bekamen.

    4) mit dem sogenannten Bilderschock, der erstens kein Schock ist und zweitens ein zweifacher ist.

    5) mit den realen Begegnungen, bis ich « Glück » hatte – Warum ich mir erstmals in meinem Leben Gedanken zu Promiskuität machte und trotzdem nicht promiskuitiv wurde (siehe Gedanken aus dem Eintrag von Edith darüber. Ob der Spruch « Gelegenheit macht Diebe » hier zutreffend ist, vermag ich nicht abzuschätzen).

    6) mit dem Ausstieg – Warum ich einige Tage brauchte, um allen Menschen mit denen ich in Kontakt gekommen war die « game-over »-Nachricht mitzuteilen (die schwierigste und heikelste Phase)

    Ich bin mir nicht sicher, in wie weit « ökonomische » Metaphern zu diesem Thema einen klareren Blick ermöglichen, was da passiert, oder den Blick auf das Thema Liebe und Partnerschaft übers Internet eher einschränken. Ist die Liebe ein privates oder ein öffentliches Gut? Ist das Online-Dating eher ein Käufer- oder ein Verkäufermarkt oder lässt sich das nur auf ganz individueller Ebene beantworten? Wie rational ist die « Ökonomie », das « Unternehmertum »? Greifen wir hier nicht eher Klischees auf, die nicht erst seit der aktuellen Wirtschaftskrise vollkommen überholt sind. Ich ziehe zu diesem Thema eher den Begriff « Bewusstsein » vor (wie oft handeln wir wirklich rational, wenn wir bewusst handeln? Und das Unterbewusste, das Unbewusste lässt sich nie ausschalten).

    Meiner Erfahrung nach kommt mit dem Online-Dating das « Bewusstsein » früher und damit auch etwas anders ins Spiel als in der « freien Wildbahn ». Es gibt dadurch auch andere und vielleicht mehr Momente, wo Mensch auch Menschen enttäuschen muss.

    Es geht bei beim Thema Liebe und Partnerschaft auch um Wahrscheinlichkeiten. In der Quantenphysik wird ein System über seine Wellenfunktion beschrieben, als Superposition all seiner möglichen Zustände (nach ihren Wahrscheinlichkeiten gewichtet), das sogenannte Wellenpaket. Wenn der Zustand eines Systems durch eine Messung bestimmt wird, heißt es: das Wellenpaket kollabiert. Aus der Welt der vielen Möglichkeiten wird eine einzige Realität. Wenn wir hier die Liebesbeziehung bildlich als Kollaps des Wellenpaktes deuten wollen, dann stellt sich die Frage: kollabiert das Wellenpaket über Internet-Portale auf andere Weise als im Cafe-Haus (als Beispiel für die « freie Wildbahn »). Eine Frage der sich die Physik auf ihrem Gebiet nicht stellt. Das Wellenpaket kollabiert einfach heißt es. Aber wie sieht der Mechanismus im Detail aus? Bei diesem Thema hier.

    Eine zweite spannende Erfahrung die ich gemacht habe, neben den Wirkungen durch den Vertausch gewisser « Filter » in der Sequenz der Beziehungsanbahnung, wiewohl davon abhängig:

    « Außerhalb des Netzes ist körperliche Anziehung und intuitive Sympathie meist das primäre ». Das Primäre als erstes. Wenn wir der Auffassung sind, das dieses Primäre auch das Wichtigste (Entscheidendste) ist, fällt es in der Welt außerhalb des Netzes in der Regel zusammen. Im Online-Dating fällt dies auseinander. Intuitive Sympathie ist auch durch den Austausch von E-Mails möglich (wenn vielleicht auch ein bisschen anders als außerhalb des Netzes). Die körperliche Anziehung kann aber in der Tat erst mit der ersten Begegnung ins Spiel kommen.

    Und erst mit oder nach der ersten realen Begegnung kann die Geschichte wirklich weitergehen und es in der Folge zu einer Liebesbeziehung kommen. Bis dahin vom ersten « Blickkontakt » über die Profile vergehen in der Regel aber Tage oder Wochen. Wer hätte das gedacht! In einer Welt in der Menschen nichts anderes mehr zu erkennen meinen als ständige Beschleunigung (und nicht wenige beklagen sich darüber), kommt es hier in Sachen Liebe übers Netz in gewisser Hinsicht zu einer ganz unglaublichen Entschleunigung entscheidender Prozesse. Klar ist dabei das Bewusstsein in ganz anderem Maße involviert, als in der « freien Wildbahn ».

    Eigentlich wollte ich mich heute kurz halten (weshalb ich meine Erfahrungen nur punktweise angeführt habe, bei Interesse am Detail gerne mehr), es gelingt mir aber niemals wirklich ;-) . Für heute aber Schluss.

    Grüsse / Bob

  • Hallo ForscherInnen, Beteiligte, Betroffene, Neugierige,
    hier kommt ein Leserinnenbrief, den ich im Juni 2007, damals in der letzten Phase einer dann sehr bald glücklichst beeendeten elektronischen Partnersuche an die Zeitschrift Brigitte geschrieben habe. Wurde nicht veröffentlicht, aber hier ist vielleicht ein geeignetes Forum. Der Artikel dazu ist in Brigitte 13/07 unter dem Titel « Gesetze des Kennenlernens » erschienen. Muss man nicht lesen, ist aber ziemlich symptomatisch.

    « Hilfe, ich kann es nicht mehr lesen und hören! Wie wäre es eigentlich, wenn ihr die unappetitliche Mischung aus Evolutionsbiologie, Marktwirtschaft und verschärfter Statistik mal wegließet, die bei uns schwervermittelbaren Hochqualifizierten irgendwie doch am Selbstbewusstsein nagt, wenn wir nicht aufpassen.
    Ich kann nur abraten, sich an dem Blödsinn zu orientieren, den Online-Datingagenturen in ihren ewigen Umfragen so abfragen. Von der Statistik aufs Leben zu schließen, ist nämlich ein Denkfehler: Ich möchte ganz sicher nichts mit (mindestens) 60% aller Männer anfangen, und weshalb sollte ich mich dann für deren zusammengefasste Meinungen interessieren?
    Also, meine eigene Erfahrung sagt: locker nehmen, statistische « Gesetze » von der eigenen Situation unterscheiden (es sind Wahrscheinlichkeiten, mehr nicht!), Begegnungen mit der kleinen, feinen Auswahl menschlicher Wesen genießen, die wir selber treffen – und statt der ewigen Erfolgsstories würde ich auch mal gerne etwas über Abenteuer, Flops und Wirrnisse lesen.
    Schöne Grüße »
    Ich glaube tatsächlich, da liegt eine mögliche Pointe der Verwandlung liebenswerter Leute in hyperrationale IdiotInnen (Illouz), aber auch ihrer Vermeidung:
    Der ganze Partnervermittlungszirkus basiert ja nicht zuletzt auf Wahrscheinlichkeiten, Umfragen über Präferenzen, noch mehr Umfragen über Umfragen, der medialen Weiterverwurstung dieser Umfragen, sämtlichen Marketingtools dieser Welt, und alle diese Techniken (gar nicht mal so sehr « das Internet », wie Illouz meint) unterstellen zuerste einmal in unterschiedlicher Weise nutzenmaximierende, Wahlen treffende und optimierende Subjekte, die wissen was sie wollen und wohldefinierte, abfragbare Profile haben. Und dabei muss diese Konstruktion noch mit der ganzen Ladung an Romantikverheißung getarnt werden. Diese Artefakte und Modellfiguren, die sich irgendwie nach dem Motto « wir sind alle Individuen » in diese Raster eingepasst haben, bekommt ein partnersuchender Mensch, der dieselbe Operation mitgemacht hat, dann zurück als bepunktete Vermittlungsvorschläge.
    Aber die These von den hyperrationalen IdiotInnen unterstellt ja, dass die partnersuchenden Menschen an diese Konstruktionen « glauben » und sie ernst nehmen. Aber eben dahinter steckt der beschriebene Denkfehler, die Konfusion zwischen Statistik und hochindividueller Situation. Und das kann nur Stress und Frustration geben – vor allem für die berüchtigt schwer vermittelbaren Frauen über 40 mit Hochschulabschluss (solche wie ich z.B.). Als solche kann ich das nur betreiben, wenn ich es nicht ernst nehme. Wie denn, wenn ich einen wunderbaren Eindruck auf Durchschnitttstypen bestimmter Merkmalskombinationen mache, die mich bei klarer Betrachtung subjektiv einfach nicht vom Hocker reißen?
    Also, man *muss* nicht daran glauben. Allerdings habe ich mit diversen Partnersuch-Kollegen (ich habe eher die dezidiert nicht-unternehmerische Sorte getroffen, mit Ausnahmen) dann hochinteressante Gespräche über die Erfahrungen mit dem Funktionieren und Nicht-Funktionieren der Persönlichkeitstests und Matchingpunkte geführt – es war dann auch spannend, sich darüber auszutauschen. Vielleicht also gehört der hyperrationale Zirkus dabei zu den « Regenmacher-Phänomenen », die zwar nicht so vordergründig und direkt funktionieren, wie sie sich darstellen, aber hintergründig und indirekt dann eben doch: nicht als direktes Matching, sondern als Spielmaterial für ein intuitiveres Abchecken und Kommunizieren und Reflektieren mit dem jeweiligen Gegenüber. Und alles in allem war’s so für mich sogar ein ganz hervorragendes Intuitions-Training.
    Schönen Gruss und viel Glück beim Forschen und Erleben
    Paula

  • 1.1) zur Auswahl des Portals – Warum ich « Parship » gegenüber « love.at » den Vorzug gab.

    Es gibt Portale, wo Fotos zum Profil-Text gestellt werden können, die für alle von Anfang an einsehbar sind.
    Das führt dazu, dass manche Menschen Fotos ins Portal reinstellen, andere nicht (warum auch immer).
    Wenn ich gestöbert habe, habe ich mir praktisch ausschließlich nur die Profile mit Fotos angesehen. Fotos haben eben eine Wirkung. Ein ziemlich unsinniges Vorauswahlkritierium, dachte ich mir.

    Es gibt Portale, wo die « Suchkritierien » anderer einsehbar sind (Wunschpartner). In diese Explizität wollte ich das so genau gar nicht wissen. (Nicht alle Frauen* wünschen sich so jemanden wie mich ;-) . Ich machte anhand eines Beispiels eine kleine Studie und untersuchte Frauenprofile nach ihren Wunschvorstellungen nach der Körpergröße von Männern. In einem Sample von rund 80 Profilen hatten 40% der Frauen konkrete Größenangaben ihrer Wunschpartner angegeben. Im Schnitt 4% – 10% größer als sie selbst sollten die Wunschpartner sein. Durchschnittsgröße der Frauen: 1,66 m. Also rund 40% der Frauen suchten explizit nicht mich. Und das allein wegen der Körpergröße. Das darf doch nicht wahr sein! Keine einzige Frau hatte explizit Wunschpartner gesucht, die auch ein bisschen kleiner als sie selbst sein konnten. Jene Frauen, die keine Wunschangaben zur Körpergröße ihrer Partner angaben, würden ja vielleicht auch Männer, die kleiner sind als sie selbst « in Kauf » nehmen.
    Diese Untersuchung machte ich an dem Tag, an dem ich mich selbst aus dem Portal liquidierte (als längst alles entschieden war).

    Es gibt Portale, wo die Liste der « Freunde » anderer einsehbar ist, das heißt eine Liste von Menschen mit denen andere « in Kontakt » stehen.

    Es gibt Portale, wo man sich die eigene Konkurrenz (profilmäßig) ansehen kann.

    Man muss nicht all das wissen. Ich legte auf dieses Wissen keinen Wert. So ließ ich « love.at » weitgehend links liegen und stieg in Parship ein. Keine Fotos zu Anfang, keine Suchkritierien anderen Menschen einsehbar, sondern eine Vorschlagsliste (auf Basis eines computergestützten Matchingverfahren. Alle Frauen* wünschen sich so jemanden wie mich ;-) keine Einsicht, wie begehrt andere sind, keine Einsicht in die « Konkurrnz » auf der eigenen Seite.

    Wenn « love.at » die/eine Disco des Internets ist, dann ist Parship das/ein Cafe-Haus der Internets. Internet ist nicht Internet. Das wäre, wie wenn wir außerhalb des Netzes zwischen Disco und Cafe-Hause keine Unterscheidung treffen wollten. Ich traf im Internet diese Entscheidung. Und sie spiegelte meine Neigungen wieder, wie ich sie aus meiner Welt außerhalb des Netzes kannte und kenne. In die Disco verschlägt es mich nur selten, ins Cafe-Haus setze ich mich immer wieder gerne.

    * Das ist hier ein Scherz. Ich bin nicht ganz so blöd wie ich hier schreibe. Ich habe nur nachgedacht warum mir ein Portal lieber war als ein anderes. Meine Vorliebe im realen Leben fürs Cafe-Haus gegenüber der Disco sieht die Soziologie als Intuition an? Meinen Schritt es einmal übers Netz zu probieren als Akt eines hyperrationalen Idioten? Was war dann meine Entscheidung im Netz einem Portal gegenüber einem anderen den Vorzug zu geben? Transhyperrationale Idiotie? Oder doch wieder Intuition?

    Intuitive Grüße
    Bob Hope

  • Einen ganz herzlichen Dank an alle Kommentatorinnen und Kommentatoren. Ich lese die Erfahrungsschilderungen und Debatten hier mit großem Interesse. Das ist genau das, was ich mir von diesem Blog erhofft habe. Und es stimmt mich zuversichtlich für unser Projekt: Denn offenbar besteht sowohl ein Bedürfnis nach Austausch über die eigenen Erfahrungen mit der Partnersuche im Internet als auch ein Interesse an (soziologischer) Reflexion – beides unabdingbare Voraussetzungen für das Gelingen unseres Projektes.
    Um den spannenden Diskussionen etwas mehr Sichtbarkeit zu verleihen, habe ich auf der Startseite Links zu den neuesten Kommentaren ergänzt.
    Inzwischen sind hier so viele interessante Punkte angesprochen worden, dass ich in der gebotenen Kürze unmöglich auf alle eingehen kann. Deshalb werde ich in den nächsten Blogposts immer wieder einmal auf Aspekte aus der Diskussion hier zurückkommen und sie mit eigenen Überlegungen zu verknüpfen versuchen.
    Eine generelle Bemerkung aber doch: Ich glaube nicht, das Eva Illouz diejenigen, die im Internet nach einer Partnerin oder einem Partner suchen, pauschal als ‚hyperrationale IdiotInnen‘ bezeichnen würde. Dieser Begriff soll lediglich in einer stark zugespitzten Weise auf eine Gefahr aufmerksam machen, die uns (in vielen gesellschaftlichen Bereichen) drohen könnte, wenn wir die rationale Wahl und die ökonomischen Kosten-Nutzen-Analyse zum allein seligmachenden Prinzip erheben.
    Was ist aber dann mit der Figur der romantischen Unternehmerin? Sind alle Online-Dater Unternehmer in Sachen Romantik? Nein. Hier geht es zunächst lediglich um das, was wir im Projekt als „Adressierung“ bezeichnen – also um die Art und Weise, wie Online Dating Seiten ihre Nutzerinnen und Nutzer ansprechen. Dabei finden wir in der Tat Verweise auf ‚unternehmerische‘ Logiken wie Effizienz und rationales Kalkül ebenso wie Bezugnahmen auf das romantische Liebesideal.
    Allerdings gehen wir ebenso davon aus, dass die Nutzerinnen und Nutzer durchaus Spielräume haben, mit dieser Adressierung unterschiedlich umzugehen – sie umzudeuten, zu unterlaufen, ironisch zu brechen, etc. Die Schilderungen von Bob und Paula zeigen genau das: Man kann sich entscheiden, bestimmte Dinge nicht wissen zu wollen (Bob), man kann versuchen, den „Partnervermittlungszirkus“ nicht ganz so ernst zu nehmen, wie er daherkommt (Paula), usw. Gäbe es diese Spielräume nicht, so wäre auch unsere Forschung weitgehend sinnlos. Denn was sollten wir dann noch wissen wollen?

  • Wie lautet der Metrik-Tensor der Soziologie?

    Gut, ich hatte die eigentliche Zielsetzung des Forschungsprojektes geflissentlich überlesen:

    >>Insgesamt ist allerdings weitgehend ungeklärt, wie diese gegensätzlichen Logiken – das Ideal der romantischen Liebe auf der einen Seite und die Prinzipien von Effizienz und ökonomischer Rationalität auf der anderen – in der Praxis des Online-Dating eigentlich miteinander verknüpft sind und wie die Beteiligten die Widersprüche und Ambivalenzen bewältigen, die daraus resultieren können.<> Hier geht es zunächst lediglich um das, was wir im Projekt als „Adressierung“ bezeichnen – also um die Art und Weise, wie Online Dating Seiten ihre Nutzerinnen und Nutzer ansprechen. Dabei finden wir in der Tat Verweise auf ‚unternehmerische‘ Logiken wie Effizienz und rationales Kalkül ebenso wie Bezugnahmen auf das romantische Liebesideal. <<

    Kurz zum Null Punkt:

    Ich hatte Hunger. Da sah ich vor mir eine Packung Mars. Ich studierte da nicht lange die Verpackung. Ich riss sie auf und biss hinein. Als dann der Hunger gestillt war schenkte ich meine Aufmerksamkeit der Verpackung. Las darauf: Mars macht mobil bei Arbeit, Sport und Spiel. Und dachte mir. Sieh an. Da steht doch tatsächlich drauf was drinnen ist.

    Ich war zu diesem Zeitpunkt ein bisschen ein « desperate Bob Hope », nach einer Reihe von Flops in der Welt der Realität (alles hübsch intuitiv, alles hübsch Zufall, alles hübsch Schicksal, wer einem halt so mit der Zeit über den Weg läuft). Da kam mir das erste Mal der Gedanke an jene einschlägigen Internet-Portale als die moderne Variante des Zeitungsinserats. Nicht die Portale adressierten mich, sondern ich fand ihre Internetadressen. Das Kleingedruckte war schnell überlesen. Und tschack war ich mitten drinnen im Geschehen. Die hätten zu dem Zeitpunkt adressieren können wen sie wollten, oder mich wie sie wollten. In der « naturbelassenen » Realität habe ich kein Glück. Ich bin also ein armes Würstel. All die Jahre dachte ich mir das immer, wenn ich in der Zeitung solche Anzeigen las. Arme Würstel. Zu besagten Zeitpunkt kam ich zu dem Schluss. Ich habe zwei Möglichkeiten. Ein armes Würstel zu bleiben und noch dazu blöd, oder als armes Würstel einen mir offenstehenden Weg auszuprobieren, der mir noch nie im Leben eingefallen war. Das war mein einziges Effizienzkalkül als ich die Adresse des ersten Portals anklickte. Ich hatte nichts zu verlieren.

    So lässt sich zumindest in meinem Fall (auch wenn ich nicht « weitgehend » bin), das Rätsel der gegensätzlichen Logiken klären. Sie waren weitgehend konsekutiv verknüpft. 1) Ich träumte von der romantischen Liebe. 2) Ich betrat einen nie davor beschrittenen Weg. 3) Ich fand und lebe seit dem die romatische Liebe – Veni, Vedi, Vici :-)

    Erst auf dem Weg vom Traum zur Wirklichkeit gab es Phasen wo mich die im Forschungsziel angesprochene Ambivalenz erfasste. Davon wollen meine punktweisen Erfahrungen erzählen.

    Ein Wort noch zur Gefahr auf die Illouz zugespitzt hinweisen will. Ich wünschte mir, es hätte eine Eva Illouz vor rund zweitausend Jahren in Israel gegeben. Dann hätte sie uns warnen können vor dem aufkeimenden Christentum. Es waren die Redakteure der Bibel, die wahrscheinlich die Ersten waren (siehe Jack Miles in « Gott – Eine Biographie »), die die damals neueste Erfindung, nämlich den Index (das Buch in seiner bekannten Form) aus der Taufe hoben. Mit ihrem effizienten Ansatz die Welt der zwischenmenschlichen Liebesbeziehungen für fast 2000 Jahre massiv geprägt zu haben (jedenfalls in unseren Breitengraden). Es war ein langer Weg von der Erfindung der Schrift, über die Erfindung des Index, über die Erfindung des Buchdrucks bis zur Erfindung des Internets. Wären die Menschen damals vor 2000 Jahren doch nur klar genug gewarnt worden! Und dennoch. Wir haben das Christentum überlebt. Wir werden das Internet überleben. Und mit uns die Liebe, welchen Einfluss auch immer die Etappen der Verschriftlichung auf sie auszuüben imstande sind.

    Ein letztes Wort noch zur « Adressierung ». Es ist dies eine Begrifflichkeit die mir wissenschaftlich gemeint weitgehend fremd ist. Ein Begriff wie « Adressierung » scheint mir nur den « räumlichen » Aspekt zu adressieren. Das erscheint mir ein bisschen « eindimensional ».

    Seit es Handys gibt beschäftigt mich die Frage: was ist Adressierung, was ist Identifizierung/Identifikation/Identität aus Sicht des Systems. Unsere Welt ist einfach komplexer geworden. In der guten alten Zeit, als es nur die Festnetztelefonie gab, waren Adresse und Identifizierung/Identifikation/Identität eins (was die Signalisierung zum Gesprächsaufbau und das Routing einfach machte). Aber in der Zeit der Mobiltelefonie fallen Adresse und Identifizierung/Identifikation/Identität auseinander. Hybride Zwitternummern werden quer durch die Netze der Telekommunikation verschickt, um alles wieder zusammen zu bringen.

    Wie wär’s mit der Indexikalisierung (hab’ ich gestern zufälligerweise aufgeschnappt, wieder aus einer anderen mir fremden Welt).

    Die Welt aus der ich komme, wird bestimmt durch die Dreifaltigkeit aus Raum, Zeit und Materie. Es ist knapp mehr als ein Jahrhundert her, als die Physik mit der Allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins die letzte Etappe der « klassischen Phase » genommen hatte. Mit Hilfe einer « Geometrie der Raumzeit » gelang es eine wesentliche materielle Wechselwirkung (die der « Anziehung », hihi ;-) bis heute unübertroffen zu beschreiben.

    Wie lautet der « Metrik-Tensor » der Soziologie?

    Aus Bern kann Lausanne/Frankfurt werden. Ich weiß nicht, ob die Fokussierung « zunächst » auf die Adressierung allein der Ansatz ist, den Ambivalenzen der gesamtem Logik auf die Spur zu kommen. Ich habe allein schon den Aspekt der zeitlichen Vertauschung in der logischen Sequenz von Filtern und der Zeitdilatation als derart bestimmend erfahren. Abgesehen von den materiellen Implikationen. Nun wie auch immer.

    Weiterhin alles Gute

    Bob Hope

Leave a Reply