{"id":149,"date":"2009-03-18T17:01:19","date_gmt":"2009-03-18T16:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/romanticentrepreneur.net\/?p=149"},"modified":"2022-03-30T18:58:28","modified_gmt":"2022-03-30T17:58:28","slug":"koerperwissen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/romanticentrepreneur.net\/index.php\/koerperwissen\/","title":{"rendered":"K\u00f6rperwissen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/popilop\/247176511\/\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-156\" title=\"body: von Sam UL auf flickr\" src=\"http:\/\/romanticentrepreneur.net\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/body.jpg\" alt=\"body: von Sam UL auf flickr\" srcset=\"http:\/\/romanticentrepreneur.net\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/body.jpg 313w, http:\/\/romanticentrepreneur.net\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/body-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" width=\"250\" height=\"188\"><\/a>Am 5.\/6. M\u00e4rz war ich in Landau (Pfalz) auf einer Tagung zum Thema \u201eK\u00f6rperwissen\u201c, veranstaltet von den Sektionen Wissenssoziologie und Soziologie des K\u00f6rpers und des Sports der DGS. Sehr inspirierend f\u00fcr das Thema unseres Projektes. Denn am Beispiel Online Dating l\u00e4sst sich gut beobachten, wie wichtig der K\u00f6rper f\u00fcr soziale Interaktionen ist \u2013 gerade weil er (zun\u00e4chst) abwesend ist. <!--:--><\/p>\n<p><!--:--><!--more--><\/p>\n<h4>Wenn der K\u00f6rper ins Spiel kommt<\/h4>\n<p>Wie Bob in seinem Kommentar zum <a href=\"http:\/\/romanticentrepreneur.net\/index.php\/wie-liebt-das-unternehmerische-selbst\/\">letzten Artikel<\/a> zu Recht bemerkt, kehrt sich die \u00fcbliche Reihenfolge der \u201aBeziehungsanbahnung\u2018 im Internet tendenziell um: W\u00e4hrend sonst die k\u00f6rperliche Anziehung und intuitive Sympathie meist das prim\u00e4re sind und die verbale Kommunikation und das kognitive Wissen \u00fcber eine Person erst sp\u00e4ter folgen, kommt im Netz Information und textuelle Kommunikation zuerst.<br \/>\nDies f\u00fchrt \u2013 wie immer wieder berichtet wird \u2013 oft zu Problemen, wenn sich die Personen dann tats\u00e4chlich das erste Mal au\u00dferhalb des Netzes begegnen. Das Bild, das man sich von dem Gegen\u00fcber gemacht hat, passt h\u00e4ufig nicht mit der Erfahrung der direkten k\u00f6rperlichen Begegnung zusammen. Wenn hier die \u201aChemie\u2018 nicht stimmt, kann die in der Online-Kommunikation aufgebaute N\u00e4he und Vertrautheit sehr schnell zusammenbrechen; die noch junge Beziehung erlebt ihre erste Krise\u2026<br \/>\n(\u00dcbrigens weist diese Beobachtung auf den interessanten Aspekt hin, dass unser K\u00f6rper offenbar \u00fcber eine spezifische Form der Phantasie verf\u00fcgt, die das Bild eines physisch abwesenden Kommunikationspartners entsprechend erg\u00e4nzt. Dem m\u00fcsste man weiter nachgehen.)<\/p>\n<h4>Butler, Bourdieu oder Berger (&amp; Luckmann)?<\/h4>\n<p>Wie dieses Problem theoretisch zu fassen ist, ist mir allerdings noch weitgehend unklar. Wenn unser \u201eK\u00f6rperwissen\u201c (d.h. unser Wissen sowohl \u00fcber den eigenen als auch \u00fcber den fremden K\u00f6rper und wie beide zueinander passen) wesentlich \u00fcber hegemoniale kulturelle Muster und diskursiv reproduzierte K\u00f6rperbilder gepr\u00e4gt ist (so \u2013 grob gesagt \u2013 die zentrale Einsicht dekonstruktiver Gender- und Queer-Theorien), dann sollte es das beschriebene Problem eigentlich nicht geben: Schlie\u00dflich partizipieren beide Partner an diesem kulturellen Wissensvorrat und k\u00f6nnen auch schon in der textuellen Kommunikation, im Austausch von Fotos, etc. ihre K\u00f6rperbilder diskursiv abgleichen.<br \/>\nBourdieus Habitustheorie hilft hier ebenfalls nur begrenzt weiter. Wenn k\u00f6rperliche \u201aPassung\u2018 und Sympathie vor allem \u00fcber eine gemeinsame soziale Herkunft konstituiert wird, die sich in Gestalt spezifischer Ausdrucksformen und Routinen in unseren K\u00f6rper einschreibt (\u201eHexis\u201c), dann sollte das beschriebene Problem eigentlich ebenfalls nicht existieren. Denn Studien zeigen, dass auch im Netz h\u00e4ufig Paare \u00e4hnlicher sozialer Herkunft zusammenfinden (bspw. Fiore\/Donath 2005). Die umfangreichen Informationsm\u00f6glichkeiten \u00fcber Bildungsstand, Einkommen, Hobbies etc. bef\u00f6rdern Homogamie sogar noch zus\u00e4tzlich. Warum bemerken die Paare also dann erst in der Face-to-face-Begegnung, dass sie trotz habitueller N\u00e4he k\u00f6rperlich nicht harmonieren?<br \/>\nWas den Partnern fehlt, die sich das erste Mal au\u00dferhalb des Netzes begegnen, sind weder geteilte kulturelle K\u00f6rperbilder noch eine \u00e4hnliche soziale Herkunft und Sozialisation. Was ihnen fehlt ist die gemeinsame Erfahrung der allt\u00e4glichen Interaktion in k\u00f6rperlicher Kopr\u00e4senz. Der franz\u00f6sische Soziologe Jean-Claude Kaufmann hat in seinen Studien zum \u201eMorgen danach\u201c (2004) und zur \u201eschmutzigen W\u00e4sche\u201c (1995) anschaulich gezeigt, wie wichtig solche Erfahrungen f\u00fcr den Aufbau und die Stabilisierung von Paarbeziehungen sind.<\/p>\n<h4>Die k\u00f6rperliche Konstruktion der (Paar-)Wirklichkeit<\/h4>\n<p>Die Bedeutung, die diesen allt\u00e4glichen Interaktionen zukommt, l\u00e4sst in meinen Augen eine Analyseperspektive fruchtbar erscheinen, die an das Konzept des Alltagswissens und damit an die Tradition der ph\u00e4nomenologischen Wissenssoziologie von Sch\u00fctz und Berger\/Luckmann anschlie\u00dft.<br \/>\nEs gibt einen sch\u00f6nen Aufsatz von Peter L. Berger und Hansfried Kellner \u00fcber \u201edie Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit\u201c von 1965, in dem sie analysieren, wie junge Paare im intensiven Austausch sukzessive eine gemeinsame \u201eWirklichkeitskonstruktion\u201c herausbilden und so an (Paar)Identit\u00e4t und Stabilit\u00e4t gewinnen. Von zentraler Bedeutung ist aus ihrer Sicht dabei das oft stundenlange Gespr\u00e4ch \u00fcber Gott und die Welt, \u00fcber die eigene Biographie und \u00fcber den Alltag, das wohl jede(r) von uns aus der Fr\u00fchphase von Liebesbeziehungen kennt.<br \/>\nDas Beispiel des Online Dating k\u00f6nnte uns allerdings lehren, dass das \u201aGespr\u00e4ch\u2018 alleine nicht ausreicht \u2013 denn das gibt es ja auch schon im Netz. Hinzutreten m\u00fcssen offenbar allt\u00e4gliche Interaktionen in k\u00f6rperlicher Kopr\u00e4senz, die f\u00fcr die Herausbildung einer gemeinsamen \u201eWirklichkeitskonstruktion\u201c und Paaridentit\u00e4t m\u00f6glicherweise von ebenso gro\u00dfer Bedeutung sind.<br \/>\nWenn das so ist, sind damit nat\u00fcrlich eine Reihe recht grunds\u00e4tzlicher Fragen aufgeworfen \u00fcber die Rolle des K\u00f6rpers in der (Re-)Produktion unseres Alltagswissens und letztlich auch in der \u201egesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit\u201c insgesamt \u2013 Fragen, auf die ich bisher noch keine Antworten habe.<br \/>\nGrund genug, sich weiter mit der Soziologie des \u201eK\u00f6rperwissens\u201c zu befassen. Die Tagung in Landau war dazu ein inspirierender Auftakt. Ich hoffe dass es \u2013 wie von den Veranstaltern Reiner Keller und Michael Meuser angedacht \u2013 eine Fortsetzung geben wird.<\/p>\n<h4>Weitere Infos<\/h4>\n<p><a href=\"http:\/\/www.uni-koblenz-landau.de\/landau\/aktuelles\/archiv-2009\/tagungkoerperwissen\">Konzept und Programm der internationalen Fachtagung \u201eK\u00f6rperwissen\u201c<\/a> der Sektionen Wissenssoziologie und Soziologie des K\u00f6rpers und des Sports in der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Soziologie, M\u00e4rz 2009, Universit\u00e4t Koblenz-Landau<\/p>\n<h4>Literatur<\/h4>\n<p><small><em>Berger, Peter L. &amp; Kellner, Hansfried<\/em> 1965: Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit. In: Soziale Welt, Jg. 16: 220-235.<\/small><br \/>\n<small><em>Fiore, Andrew T. &amp; Donath, Judith S.<\/em> 2005: Homophily in Online Dating: When Do You Like Someone Like Yourself? Cambridge: MIT Media Laboratory [online: <a href=\"http:\/\/smg.media.mit.edu\/papers\/atf\/fiore_donath_chi2005_short.pdf\">http:\/\/smg.media.mit.edu\/papers\/atf\/fiore_donath_chi2005_short.pdf<\/a>, 18.01.2007].<\/small><br \/>\n<small><em>Kaufmann, Jean-Claude<\/em> 1995: Schmutzige W\u00e4sche. Zur ehelichen Konstruktion von Alltag. Konstanz: UVK.<\/small><br \/>\n<small><em>Kaufmann, Jean-Claude<\/em> 2004: Der Morgen danach. Wie eine Liebesgeschichte beginnt. Konstanz: UVK.<\/small><!--:--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5.\/6. M\u00e4rz war ich in Landau (Pfalz) auf einer Tagung zum Thema \u201eK\u00f6rperwissen\u201c, veranstaltet von den Sektionen Wissenssoziologie und Soziologie des K\u00f6rpers und des Sports der DGS. Sehr inspirierend f\u00fcr das Thema unseres Projektes. 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