{"id":73,"date":"2009-02-17T19:09:14","date_gmt":"2009-02-17T18:09:14","guid":{"rendered":"http:\/\/romanticentrepreneur.net\/?p=73"},"modified":"2018-12-09T16:51:35","modified_gmt":"2018-12-09T15:51:35","slug":"wie-liebt-das-unternehmerische-selbst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/romanticentrepreneur.net\/index.php\/wie-liebt-das-unternehmerische-selbst\/","title":{"rendered":"<i>The Romantic Entrepreneur<\/i> oder: Wie liebt das unternehmerische Selbst?"},"content":{"rendered":"<p>Wer ist das, der &#8222;romantische Unternehmer&#8220;, diese seltsame Figur, die diesem Blog seinen Namen gegeben hat? Seit wann sind denn Unternehmerinnen Romantikerinnen oder Romantiker Unternehmer?<br \/>\nNun &#8211; nat\u00fcrlich ist das ein eher metaphorisches Bild. Diese Figur verk\u00f6rpert eine Spannung zwischen zwei antagonistischen Logiken, die f\u00fcr das Feld des Online Dating charakteristisch ist: die Spannung zwischen \u00f6konomischer Rationalit\u00e4t, Selbstvermarktung und Konsumismus auf der einen Seite und Intimit\u00e4t, Emotionalit\u00e4t und romantischer Liebe auf der anderen Seite.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h4>Das Ebay der Liebe<\/h4>\n<p>Online Dating verspricht eine bisher ungekannte Effektivierung der Partnersuche ebenso wie eine Optimierung der daraus (m\u00f6glicherweise) folgenden Beziehung.<br \/>\nNie war es so leicht, an detaillierte Informationen \u00fcber Hunderttausende oder gar Millionen von beziehungswilligen Singles zu gelangen, die nur wenige Mausklicks entfernt auf eine Kontaktaufnahme warten. Bei der Selektion helfen elaborierte Suchmechanismen und computergest\u00fctzte Matchingverfahren. Einer bis ins Detail passgenauen Partnerschaft scheint nichts mehr im Wege zu stehen.<\/p>\n<blockquote><p>\u00dcber 28 Mio Singles aus ganz Europa warten auf Sie!<br \/>\n<small>(<a href=\"http:\/\/www.meetic.ch\">meetic.ch<\/a>)<\/small><\/p><\/blockquote>\n<p>Sie lieben chinesische Kalligraphie, hassen Hunde und sind im Bett eher dominant? Kein Problem \u2013 man wird ihnen dennoch ausreichend Partner(innen)vorschl\u00e4ge unterbreiten, um damit mehr als ein Menschenleben in serieller Monogamie ausf\u00fcllen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nOnline Dating adaptiert die Prinzipien des modernen Massenkonsums f\u00fcr die Sph\u00e4re von Liebe und Partnerschaft (Illouz 2006: 129f.; Arvidsson 2005). Das Internet pr\u00e4sentiert sich als ein wahres Shoppingparadies der Partnersuche, man k\u00f6nnte fast sagen: als Ebay der Liebe.<\/p>\n<blockquote><p>Scout24 schafft Transparenz in intransparenten M\u00e4rkten \u2013 Jobsuche, der Kauf einer Wohnung, eines Autos oder eines Notebooks, Altersvorsorge oder die Partnersuche.<br \/>\n<small>(<a href=\"http:\/\/http:\/\/www.scout24.com\/de\/unternehmen.asp\">Scout24<\/a>, Betreiber von Friendscout24 und diversen E-Commerce-Portalen)<\/small><\/p><\/blockquote>\n<h4>Das unternehmerische Selbst<\/h4>\n<p>Es liegt nahe, hier an die Figur des unternehmerischen Selbst zu denken, wie sie Michel Foucault (2004) und im Anschluss daran die Gouvernementality Studies (Rose 1992; Br\u00f6ckling 2007) beschrieben haben.<br \/>\nDas unternehmerische Selbst zeichnet sich durch eine spezifische Ethik der Selbstverantwortung aus, die sich in dem permanenten Streben nach einer Optimierung des eigenen Humankapitals niederschl\u00e4gt: Durch eine Rationalisierung des Lebens, durch die stete Arbeit an der individuellen Employability, durch eine Perfektionierung von K\u00f6rper und Pers\u00f6nlichkeit.<br \/>\nDas Modell des unternehmerischen Selbst liegt den neoliberalen Reformen des Sozialstaats zugrunde, die die Eigenverantwortlichkeit des Individuums in den Mittelpunkt stellen. Es findet sich aber auch in vielen aktuellen Managementlehren (\u201eIntrapreneurship\u201c), in dem popul\u00e4ren Genre der Lebens- und Erfolgsratgeberliteratur, usw.<\/p>\n<blockquote><p>Liebe ist kein Zufall. Partnersuche mit Erfolg: Finden Sie mit ElitePartner.ch gezielt Singles, die zu Ihrem Anspruch passen.<br \/>\n<small>(<a href=\"http:\/\/www.elitepartner.ch\">elitepartner.ch<\/a>)<\/small><\/p><\/blockquote>\n<p>Online Dating reiht sich nahtlos in diese Kette ein. Es verspricht eine unternehmerische Rationalisierung im Feld der Partnerschaft, Liebe und Emotionalit\u00e4t. Ein gigantisches Angebot, eine effektivierte Suche und schlie\u00dflich: Eine optimierte Beziehung, die bei der Maximierung des eigenen Humankapitals nicht mehr im Wege steht, sondern im Gegenteil dazu beitragen kann.<\/p>\n<h4>Die Macht des Schicksals<\/h4>\n<p>Die Sprache der Effizienz, Rationalit\u00e4t und des Massenkonsums ist jedoch keinesfalls die einzige, die wir im Feld des Online Dating finden. Gleichzeitig sind die Referenzen zum kulturellen Ideal der romantischen Liebe unverkennbar. Herzen, Rosen, die Farbe Rot, aneinandergeschmiegte Paare, der Kuss \u2013 schon die visuelle Gestaltung der Dating Sites bem\u00fcht das ganze symbolische Repertoire des modernen Liebesideals in gedr\u00e4ngter Form.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn ich daran denke, wie unsere Geschichte ihren Lauf genommen hat, dann kann das nur ein Wunder sein.<br \/>\n<small>(Angie auf <a href=\"http:\/\/magazin.ilove.de\/singlelife\/erfolgsstories\/ein-grosse-liebe-braucht-nicht-viele-worte-wir-heiraten.html\">iLove<\/a>)<\/small><\/p><\/blockquote>\n<p>Erz\u00e4hlungen \u00fcber Online-Liebesgeschichten unterscheiden sich oft wenig von jenen der Welt au\u00dferhalb des Netzes.<br \/>\nDas romantische Ideal enth\u00e4lt ein spezifisches narratives Muster, in das auch die Internet-Liebe eingepasst wird: Der schicksalhafte Anfang, die pl\u00f6tzliche, intuitive Anziehung, die Hindernisse, die es bis zum gl\u00fccklichen Ende zu \u00fcberwinden gilt \u2013 solche klassischen Motive, die wir schon in der Romanwelt des 19. Jahrhunderts finden (Lenz 2006: 259ff.), pr\u00e4gen auch die Schilderungen heutiger Online-Beziehungen.<\/p>\n<blockquote><p>Nie habe ich gedacht das man die Liebe seines Lebens im Internet finden kann aber ich erlebe es gerade selbst und das ist wundervoll.<br \/>\n<small>(Petra auf <a href=\"http:\/\/magazin.ilove.de\/singlelife\/erfolgsstories\/never-ending-lovestory.html\">iLove<\/a>)<\/small><\/p><\/blockquote>\n<p>Ganz im Gegensatz zu dem strategischen Kalk\u00fcl des unternehmerischen Selbst wird hier die Unplanbarkeit und Schicksalhaftigkeit der Liebe beschworen, ihre au\u00dferallt\u00e4gliche Macht, die sich der bewussten Kontrolle entzieht.<\/p>\n<h4>Romantische Unternehmer?<\/h4>\n<p>Online Dating verweist auf beide Logiken zugleich und konstruiert damit die eigent\u00fcmliche Zwittergestalt des romantischen Unternehmers \u2013 eine Figur, die die eigene Partnersuche strategisch rationalisiert und nach dem Vorbild des Massenkonsums optimiert, aber gleichzeitig nach Intimit\u00e4t, Emotionalit\u00e4t und Verzauberung durch das Schicksal sucht.<br \/>\nDie interne Widerspr\u00fcchlichkeit dieser Figur ist un\u00fcbersehbar. Es w\u00e4re erstaunlich, wenn diese Widerspr\u00fcchlichkeit nicht auch zu Friktionen und Ambivalenzen im allt\u00e4glichen Handeln f\u00fchren w\u00fcrde.<br \/>\nDaraus ergeben sich eine Reihe von Fragen:<\/p>\n<ul>\n<li>Wie gehen die Nutzerinnen und Nutzer von Online-Dating-Sites mit der unklaren \u201eRahmung\u201c der Situation (Goffman 1977) zwischen Markt und Liebe um?<\/li>\n<li>Wie verst\u00e4ndigen sie sich dar\u00fcber, ob sie gerade als strategische, unternehmerische Akteure oder als romantisch Liebende handeln?<\/li>\n<li>Wie verhalten sie sich zu der Adressierung als romantische Unternehmer \u2013 \u00fcbernehmen sie diese Adressierung, oder deuten sie sie um und unterlaufen sie in der Praxis?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das sind zentrale Fragen unserer weiteren Forschung. Wir werden sehen, was uns die Nutzerinnen und Nutzer von Online Dating \u00fcber ihre Erfahrungen als romantische Unternehmer des Internets berichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Literatur<\/h4>\n<p><small><br \/>\n<em>Arvidsson, Adam<\/em> 2005: Quality Singles: Internet Dating as Immaterial Labour (Cultures of Consumption, Working Paper Series). [online: <a href=\"http:\/\/www.consume.bbk.ac.uk\/working_papers\/ArvidssonReality.final.doc\">http:\/\/www.consume.bbk.ac.uk\/working_papers\/ArvidssonReality.final.doc<\/a>, 12.02.2007].<\/small><\/p>\n<p><small><em>Br\u00f6ckling, Ulrich<\/em> 2007: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<\/small><\/p>\n<p><small><em>Foucault, Michel<\/em> 2004: Geschichte der Gouvernementalit\u00e4t I: Sicherheit, Territorium, Bev\u00f6lkerung. Vorlesung am Coll\u00e8ge de France, 1977 \u2013 1978. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<\/small><\/p>\n<p><small><em>Goffman, Erving<\/em> 1977: Rahmen-Analyse. Ein Versuch \u00fcber die Organisation von Alltagserfahrungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<\/small><\/p>\n<p><small><em>Illouz, Eva<\/em> 2006: Gef\u00fchle in Zeiten des Kapitalismus. Adorno-Vorlesungen 2004. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<\/small><\/p>\n<p><small><em>Lenz, Karl<\/em> 2006: Soziologie der Zweierbeziehung. Eine Einf\u00fchrung (3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag.<\/small><\/p>\n<p><small><em>Rose, Nikolas <\/em>1992: Governing the enterprising self. In: Heelas, Paul &amp; Morris, Paul (Hrsg.): The Values of the enterprise culture. The moral debate. London\/New York: Routledge.<br \/>\n<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer ist das, der &#8222;romantische Unternehmer&#8220;, diese seltsame Figur, die diesem Blog seinen Namen gegeben hat? Seit wann sind denn Unternehmerinnen Romantikerinnen oder Romantiker Unternehmer? Nun &#8211; nat\u00fcrlich ist das ein eher metaphorisches Bild. 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