Online Dating. Mediale Kommunikation zwischen romantischer Liebe und ökonomischer Rationalisierung

Projekt finanziert durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF)
Kai Dröge, Soziologe und Forscher; Olivier Voirol, maître assistant UNIL (Antragsteller)

Online Dating ist für viele gesellschaftliche Gruppen inzwischen zu einer alltäglichen Form der Partnersuche geworden. Im Ergebnis ist sowohl das öffentliche als auch das wissenschaftliche Interesse an diesem Phänomen in den letzten Jahren stark angewachsen.
Die bisherige Forschung zum Thema lässt sich grob in zwei Kategorien einteilen: Zum ersten untersuchen eine ganze Reihe von Studien die spezifischen Formen von Intimität, Emotionalität und wechselseitiger Selbstoffenbarung, die im Rahmen von Online-Kontakten entstehen. In diesen Studien erscheint das Internet oft als ein bevorzugter Ort romantischer Interaktionen, ja, zum Teil gar als eine Art ‘neoromantisches Medium’, das bestimmte klassische Tugenden dieses kulturellen Liebesideals wiederzubeleben verspricht, die in der Welt außerhalb des Netzes längst verloren zu sein scheinen. Eine zweite Forschungsrichtung analysiert das Internet primär als ein neues Hilfsmittel zur Verbesserung der Effizienz und Rationalität in der Partnersuche. Hier sind Theorien der rationale Wahl und die klassischen ökonomischen Modelle des ‘Heiratsmarktes’ besonders verbreitet.
Insgesamt ist allerdings weitgehend ungeklärt, wie diese gegensätzlichen Logiken – das Ideal der romantischen Liebe auf der einen Seite und die Prinzipien von Effizienz und ökonomischer Rationalität auf der anderen – in der Praxis des Online-Dating eigentlich miteinander verknüpft sind und wie die Beteiligten die Widersprüche und Ambivalenzen bewältigen, die daraus resultieren können. Indem das Projekt genau diese Fragen empirisch untersucht, leistet es einen innovativen Beitrag zu der internationalen Debatte über Online-Dating sowie über den sozialen Wandel der Beziehungsmuster insgesamt.
Eine Ursache für das oben umrissene Forschungsdefizit liegt darin begründet, dass die meisten bisherigen Analysen sich entweder auf die statistische Analyse von Interaktionsmustern im Internet oder auf die standardisierte Erhebung von Einstellungen zum Online-Dating beschränkt haben. Daher wissen wir wenig über die konkreten Erfahrungen und Praktiken der Partnersuche im Netz und über deren Einbettung in den alltäglichen Lebenszusammenhang der Beteiligten. Das vorliegende Projekt hingegen verwendet qualitative Forschungsmethoden, die genau auf diese Aspekte fokussieren. Damit erst lassen sich jene praktischen Problem und Widersprüche aufdecken, die aus den verschiedenen oben genannten Handlungslogiken resultieren. Außerdem macht eine solche Herangehensweise die Untersuchung auch für die Mediensoziologie insgesamt interessant, weil damit die spezifischen Schwierigkeiten im Übergang zwischen On- und Offline-Welt genauer in den Blick genommen werden können. Schließlich kann die Forschung auch als ein interessanter Beitrag zu der aktuellen Debatte um die Ökonomisierung oder Vermarktlichung persönlicher Beziehungen gesehen werden – eine öffentliche sowie wissenschaftliche Diskussion, die auf einer generelleren Ebene den Wandel im Verhältnis von Liebe und Kapitalismus, Intimität und strategischem Handeln sowie Emotionen und ökonomischer Rationalität in unserer Gesellschaft kritisch analysiert.