Zwischen den Welten – soziale Ungleichheit in und aus dem Netz

Mitte März hat in Frankfurt eine Tagung zum Thema „Ungleichheit aus kommunikations- und mediensoziologischer Perspektive“ stattgefunden. Auch ich war hier mit einem Vortrag vertreten. Dem Organisator Christian Stegbauer sei Dank, dass er dieses wichtige Thema aufgegriffen hat. Gerade was das Internet betrifft, so hoffen immer noch viele auf die Entstehung eines demokratischen, ja egalitären Kommunikationsraumes, in dem klassische Formen von sozialer Ungleichheit und Benachteiligung eine geringere Rolle spielen würden als außerhalb des Netzes.
Zumindest im Hinblick auf Online Dating vertrete ich hier eine dezidierte Gegenthese. Die Sites betreiben einen hohen Aufwand, um in ihren Suchoptionen, Profilvorgaben etc. die sozialen Ungleichheitsrelationen aus der Offline-Welt in das Medium Internet zu übersetzen und hier zur Geltung zu bringen. Das betrifft klassische sozioökonomische Unterscheidungsmerkmale wie Einkommen und Bildung ebenso wie die „feinen Unterschiede“ in den subkulturellen Differenzierungen des Lebensstils; es betrifft Fragen der tugendhaften Lebensführung ebenso wie die Selbstklassifizierung nach stereotypisierten Körperbildern.
Im Ergebnis entsteht ein soziales Setting der Beziehungsanbahnung, in dem man sich wie in kaum einem anderen Zusammenhang vorab über die ungleichheitsrelevanten Merkmale einer Person informieren kann – und dies lange bevor man eine einzige Zeile im Chat oder per Email ausgetauscht hat.

Mehr dazu im Volltext des Vortrages (PDF)

weitere Info: Tagungsprogramm

Blog und Podcast „Kapitalistischer Realismus“

Gerhard Richter und Konrad Lueg: Kapitalistischer Realismus

Gerhard Richter und Konrad Lueg: Kapitalistischer Realismus

Frisch zurück aus dem Urlaub, möchte ich erst einmal eine Lese- und vor allem Hörempfehlung geben. Sighard Neckel und Monica Titton haben an der Universität Wien eine hervorragend besetzte Ringvorlesung veranstaltet, die unter dem Titel „Kapitalistischer Realismus“ lief. Inzwischen sind alle Vorträge als MP3s online abrufbar. Eine geballte Ladung soziologischer Zeitdiagnose, die in Kunst, Kultur und Ökonomie analysiert, wie der Kapitalismus unseren Alltag durchdringt.
Der Titel nimmt Bezug auf eine Kunstaktion von Gerhard Richter und Konrad Lueg im Oktober 1963 in einem Düsseldorfer Möbelhaus (siehe Foto oben). Damals war der „Kapitalistische Realismus“ noch ein ironisches Gegenbild zum östlichen „Realsozialismus“. Inzwischen ist aber auch dieser Widerpart weitgehend obsolet geworden. Die kapitalistische Lebensform hat sich sowohl global als auch innergesellschaftlich in einem Maße ausgedehnt, wie es damals kaum denkbar war.
Die Vorträge der Ringvorlesung nehmen jedoch nicht nur die Art und Weise in den Blick, wie diese Ausdehnung unsere Kultur und Gesellschaft umgeformt hat. Sie fragen ebenso nach den Grenzen, Bruchstellen und paradoxen Interventionen, die diese Entwicklung immer schon begleitet haben und auch heute noch begleiten.
Prädikat „hörens- und bedenkenswert“

Weitere Infos:
Blog „Kapitalistischer Realismus“
Programm der Ringvorlesung

Programm Workshop steht

Pardon für die lange Blogabstinenz, dazu am Ende etwas mehr.
Doch zunächst nochmals zum Workshop „Personale Identität im Zeitalter des digitalen Selbst“ auf dem diesjährigen Kongress der SGS in Genf. Wir haben sehr interessante Vorschläge bekommen und konnten den Workshop daher auf zwei Sessionen ausdehnen. Inzwischen sind auch die genauen Zeiten festgelegt (s.u.). Natürlich freut es mich besonders, dass das Thema Online Dating breit vertreten ist. Ich bin gespannt auf interessante Diskussionen.
Hier das endgültige Program:

W13 | L’identité personnelle à l’heure du « soi digital » – Personale Identität im Zeitalter des „digitalen Selbst“

Organisation/Moderation: Olivier Voirol & Kai Dröge (Université de Lausanne)

Session 1 l Mittwoch, 9. September 2009 l 14:45 – 16:15 Uhr l MR040
1 l Achim Brosziewski l Wieviel Körper verträgt die digitalisierte Person? Systemtheoretische Thesen zur Strukturbildung im Medium der Digitalität
2 l Kai Dröge l Romantische Unternehmer im Netz ‐ von widersprüchlichen Identitätsangeboten im Feld des Online‐Dating
3 l Susann Wagner l Kommunikation in internetbasierten Partnerbörsen ‐ Vom Suchen (und Finden) der Liebe im Netz. Eine empirische Untersuchung am Beispiel der Partnerbörse FriendScout24

Session 2 l Mittwoch, 9 September 2009 l 16:45 – 18:15 Uhr l MR040
1 l Amaranta Cecchini l Ajustements identitaires dans les relations amoureuses sur internet
2 l Sami Coll l Y a‐t‐il une sphère privée pour le ‘Soi digital’ ? La volonté de savoir et la gestion de l’intimité
3 l David L.J. Gerber l Jeu en ligne et enjeu de la nationalité. La construction identitaire des joueurs et groupes de joueurs

Was bisher geschah…

Für mich persönlich war die letzte Zeit recht turbulent. Vor zwei Wochen hatte ich meine Disputation. Das Projekt Promotion ist damit nun glücklich abgeschlossen – bis auf die Publikation, über die ich mir in den nächsten Monaten Gedanken machen muss. Das Semester an der hsw Luzern, wo ich als Dozent für empirische Methoden tätig bin, ist auch gut zu Ende gegangen.
Schließlich habe ich auch einige Zeit mit der Organisation von Interviews im Online-Dating-Projekt verbracht. Nach gewissen Startschwierigkeiten konnte ich mittlerweile interessante Kontakte knüpfen – dank der tatkräftigen Unterstützung Schweizer Kolleginnen und Kollegen. In der nächsten Zeit wird die Forschung mehr im Mittelpunkt stehen; dann gibt es auch hier im Blog wieder etwas zu berichten. Aber zuvor verbringe ich noch zwei Wochen auf Gozo – Sonnenbaden, Schnorcheln und den Promotionsstress abspülen.
Ich wünsche allen einen schönen Sommer,
Kai

Workshop „Personale Identität im Zeitalter des digitalen Selbst“

socio09Der Kongress 2009 der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie (SGS) findet vom 7. bis 9. September an der Universität Genf statt. Das diesjährige Thema lautet: „Identität und Wandel der Lebensformen“.

Wie organisieren dort einen Workshop zum Thema

„Personale Identität im Zeitalter des digitalen Selbst“

Angesichts der wachsenden Bedeutung, die das Internet für die sozialen Beziehungen der Gegenwart einnimmt, stellt sich die Frage nach den Implikationen dieses neuen Mediums für die Konstitution des Selbst und der personalen Identität heute mit besonderer Dringlichkeit. Blogs, Online-Dating-Sites, soziale Netzwerke und Online-Spiele ermöglichen Formen der Interaktion im Netz, die auch die Bedingungen der Sozialisation und der Herausbildung personaler Identität transformieren.
Vor diesem Hintergrund soll der Workshop die Beziehungen zwischen den neuen Formen der Selbstproduktion im Netz und der personalen Identität untersuchen und zu klären versuchen, mit welchen soziologischen Konzept von Identität man diese Relationen angemessen beschreiben kann.
Wir begrüßen sowohl empirische als auch theoretische Beträge die identitätsrelevante Praktiken im Internet in den Blick nehmen.

Der call for papers findet sich hier

Mehr Informationen zum Kongress: www.socio09.org

Körperwissen

body: von Sam UL auf flickrAm 5./6. März war ich in Landau (Pfalz) auf einer Tagung zum Thema „Körperwissen“, veranstaltet von den Sektionen Wissenssoziologie und Soziologie des Körpers und des Sports der DGS. Sehr inspirierend für das Thema unseres Projektes. Denn am Beispiel Online Dating lässt sich gut beobachten, wie wichtig der Körper für soziale Interaktionen ist – gerade weil er (zunächst) abwesend ist. Continue reading ‘Körperwissen’

The Romantic Entrepreneur oder: Wie liebt das unternehmerische Selbst?

Wer ist das, der “romantische Unternehmer”, diese seltsame Figur, die diesem Blog seinen Namen gegeben hat? Seit wann sind denn Unternehmerinnen Romantikerinnen oder Romantiker Unternehmer?
Nun – natürlich ist das ein eher metaphorisches Bild. Diese Figur verkörpert eine Spannung zwischen zwei antagonistischen Logiken, die für das Feld des Online Dating charakteristisch ist: die Spannung zwischen ökonomischer Rationalität, Selbstvermarktung und Konsumismus auf der einen Seite und Intimität, Emotionalität und romantischer Liebe auf der anderen Seite.

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About this Blog

This blog will serve as a kind of public notebook for thoughts, ideas, and discussions around the project “Online Dating – Mediated Communication between Romantic Love and Economic Rationalization”. This three-year sociological research project is a cooperation between the University of Lausanne, Switzerland, and the Institute for Social Research, Frankfurt/M., Germany, and is funded by the Swiss National Science Foundation (SNSF).

You can find out more about the project on the following pages:

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Die Angst vor dem leeren Blog…

…gibt es das? Vielleicht.

Eigentlich absurd, schließlich ist der erste Blogeintrag vermutlich einer der am wenigsten gelesenen überhaupt. Noch hat dieser Blog keine Leserinnen oder Leser. Sollte sich das einmal ändern, dann wird wohl kaum jemand mit dem ersten Post beginnen wie mit dem Vorwort in einem Buch.

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